WAS IST DER TALMUD?
l. Bibel und Talmud
Buchstabe und geschriebenes Wort sind Zeichen, die gedeutet und erklärt werden müssen. Alles Lesen ist bereits Deutung und Erklärung des Geschriebenen. Allerdings sind wir uns dessen nicht immer bewußt, denn Lesen ist für den modernen Menschen etwas Alltägliches geworden — eine Tätigkeit, die für ihn infolge der großen Übung mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden ist.
Dies ändert sich immer dann, wenn das Geschriebene nicht eindeutig ist, oder wenn es „Zeichen" ist für Gedankengänge, Ausdruck für Zusammenhänge, die dem Leser fremd oder infolge ihrer Kompliziertheit und Tiefe nicht sofort klar zu durchschauen sind. In solchen Fällen werden wir uns der eigentlichen Bedeutung des Lesens bewußt. Allerdings sprechen wir da nicht mehr von Lesen, sondern von Forschung, Studium, Lernen.
Lesen ist erklären, Lesen heißt lernen.
Alles Geschriebene bedarf eines Kommentars. Der erste Leser ist immer auch der erste Kommentator. Die Bibel ist die geschriebene Lehre des Judentums, das Buch katexochen. Deshalb ist sie ohne Kommentar nicht denkbar. Wie jede Lehre muß auch sie erklärt werden, und wie überall beginnt auch bei ihr Erklärung mit Lesen. Bibel lesen ist immer Bibel erklären. Bibel erklären heißt aber Bibel lernen. Den Prozeß des Lernens und sein Ergebnis bezeichnet die Tradition in der Sprache der Bibel mit dem Wort Talmud. (Lamod hebr. lernen; Talmud Abkz. von T.-Tora.)
Mit dem Bibellesen beginnt der Talmud. Der erste Jude, der Bibel las, war der erste Talmudist. Ja, man könnte sogar sagen: Talmud ist nichts anderes als die besondere Art, in der das jüdische Volk Jahrtausende hindurch seine Bibel las und immer noch liest. Da Talmud Lesen ist, so ist er in seinem Wesen mündliche Lehre.
Wie man auch die Bibel lesen mag, immer wird man in ihr auf größte Schwierigkeiten stoßen. Man wird „fragen". Das Fragen ist die dynamische Kraft des Talmuds. Es gehört zum Text. Bibel ist Text, sie ist aber vor allem Lehre; zur Lehre aber gehört Antworten. Wer den Text gab, ließ Fragen offen. Wer die Lehre gab, muß auch die Antworten gegeben haben. Aus Frage und Antwort besteht der Talmud. Aus alledem folgt : Zusammen mit der Bibel empfing das jüdische Volk den Talmud. Schriftliche und mündliche Lehre sind voneinander nicht zu trennen. Beide entstammen der gleichen Quelle. Der Talmud ist so alt wie die Bibel selbst.
Dies mag an folgenden verdeutlicht werden. Moses war wohl der erste Bibelleser in der Welt. Gelangte er nun etwa an die Stelle in der Tora, die im Falle einer Ehescheidung vorschreibt: „Und er schreibe ihr ein Scheidebuch...", so muß er gefragt haben: Was ist ein Scheidebuch? Wie wird es geschrieben? Was soll sein Inhalt sein? Die Frage mußte beantwortet werden, denn die Vorschrift der Bibel sollte gültiges Gesetz sein. Moses konnte nicht allein den Text des Gesetzes lehren, er mußte zugleich die Erklärung zum Gesetz, die „Ausführungsbestimmung" geben.
Wer aber lehrte Moses die Erklärung, wer gab ihm die Ausführungsbestimmung? Die gleiche Autorität, die ihm das Gesetz vermittelte, Gott selbst.
Die „Halacha l’mosche missinai", die aus der Sinaiquelle Moses überlieferte mündliche Lehre, ist kein Dogma, sondern historische Notwendigkeit, also geschichtliche Wahrheit. Mit der schriftlichen Lehre mußte auch eine mündliche gegeben werden. Moses lehrte das Gesetz, folglich mußte er auch seine Erklärung und Anwendung lehren. Moses war der erste Talmudist.
Tja es gibt noch viel mehr dazu zu sagen, nur bin ich wieder einmal nicht sicher ob dies auch alle verstehen wollen.
LG
Halevi